Lina läuft

Lina läuft

Wenn mir vor einem halben Jahr jemand hätte weismachen wollen, ich würde anfangen zu laufen und es auch noch geil finden, hätte ich höhnisch gelacht. Lina und laufen, das passte ungefähr so gut zusammen wie Feuer und Wasser. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Abgesehen vom Reiten war Sport für mich immer eher Mord als Freude und Laufen fand ich besonders abartig. Dabei gab es in der Grundschule – oder war es die Orientierungsstufe? – sogar ein, zwei Lehrer, die mir beim Langstreckenlauf (Hass! Doppelhass!!) bescheinigten, eine Art Naturtalent zu sein. O-Ton: „Die läuft wie eine Maschine.“

Irgendwie blieb davon aber nichts hängen. Seit meiner Teenagerzeit schleppte ich fast durchgehend ein paar Kilo zuviel mit mir herum, rauchte und hatte deshalb Schwierigkeiten, beim Laufen vernünftig zu atmen, wenn ich nicht gerade mit weit offenem Mund nach Luft schnappte. Meine wenigen halbherzigen Versuche als Erwachsene, doch noch eine coole Laufgazelle zu werden, endeten jedesmal nach maximal zwei Kilometern mit reichlich Frust, einer knallroten Birne und Seitenstechen. Irgendwann beschloss ich, dass Laufen und ich sich ganz einfach ausschließen, und konnte seitdem hervorragend mit diesem Umstand leben. Vermisst habe ich nichts. Aber manchmal ändern sich selbst Dinge, die für immer und ewig in Stein gemeißelt scheinen.

Ich rauche seit fast 12 Jahren nicht mehr und trage mittlerweile Größe S statt L. Doch das ist es nicht, was mich auf einmal regelmäßig und mit Inbrunst die Laufschuhe schnüren lässt.

Ende letzten Jahres steckte ich in einer tiefen privaten Krise – meinem ganz persönlichen Lebensdrama war sozusagen die Spitze aufgesetzt worden. Familie, Freunde und Hausarzt versuchten zu helfen, dennoch fehlte mir ein Ventil für den Vulkan aus Trauer, Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit, der in meinem Inneren brodelte. In dieser Phase phantasierte ich oft darüber, wie es wäre, wenn ich rennen würde bis ans Ende der Welt; so lange, bis ich tot umfiel oder wenigstens meinem Kopfkino entkommen war, das sich auf ungute Weise verselbständigt hatte. Das endlose Grübeln war wie ein Zwang, der mich fest im Griff hatte.

Es war mitten im Winter, als ich eines Tages den dringenden Wunsch verspürte, die Phantasie in meinem Kopf in die Tat umzusetzen. Aber ich lief nicht spontan los, ich tastete mich an den Gedanken heran – Lina will laufen! – und plante. Die uralten Laufschuhe vom Discounter mussten erstmal genügen, aber ich leistete mir eine neue Laufhose und checkte den Rest meiner vorhandenen Freizeitklamotten auf Tauglichkeit. Im Kopf legte ich mir eine Strecke zurecht für den ersten Lauf: eine Runde um die Felder am Ende des Dorfes, in dem ich wohne. Nicht zu weit und nicht zu einsam; ich kannte den Weg von früheren Ausritten her.

Und dann, an einem Samstag oder Sonntag im tiefsten Dezember, lief ich los.

Und habe seitdem nicht wieder aufgehört.

Ich konnte während des Laufens ohne große Anstrengung durch die Nase atmen. Meine Beine wurden nicht schwer, sondern fühlten sich unerwartet kräftig an. Ich bemühte mich, die Schultern fallen zu lassen und mich zu entspannen. Nicht zu schnell zu laufen. Einfach nur zu atmen und sämtliche Gedanken vorüberziehen zu lassen, statt sinnlos zu grübeln. Zu gehen, wenn ich mich müde fühlte, und dann weiterzulaufen. Ich nahm die Natur ringsum in ihren Einzelheiten wahr und freute mich darüber, wie schön alles war.

Am Ende meines ersten Laufs nach zig „lauffreien“ Jahren war ich erstaunt, wie gut ich mich fühlte, wie euphorisch und stark. In mir herrschte endlich so etwas wie Ruhe. Da war es, mein verzweifelt gesuchtes Ventil!

Seitdem laufe ich ein- oder zweimal in der Woche. Ich habe keinerlei Ehrgeiz, eine bestimmte Strecke oder Zeit zu schaffen oder mich in dieser Hinsicht zu verbessern. Ich laufe so lange und so weit, wie ich brauche, um mich wohlzufühlen. Das Laufen ist meine Therapie, um Anspannung und schlechte Gefühle loszuwerden und seelische Ausgeglichenheit zu finden. Einmal – es war der 28. Dezember – zog ich mir nach fünf Stunden Zugfahrt um acht Uhr abends noch die Laufklamotten an und rannte durchs Dorf, weil ich das Gefühl hatte, sonst jemanden verprügeln zu müssen.

Dann doch lieber laufen!

Vor ein paar Tagen war ich zum ersten Mal bei strahlendem Sonnenschein und im T-Shirt unterwegs. Für eine Läuferin, die im Winter „geboren“ wurde, ein ganz neues Laufgefühl – und einfach nur herrlich!

Wer hätte das gedacht. Lina läuft… mittlerweile sogar in vernünftigen Schuhen!

2 thoughts on “Lina läuft

  1. Iris

    Hihihi, ja, das „Vom Sport ist Mord zur Läuferin“-Gefühl kenn ich, warte ab, irgendwann laufen wir den Marathon zusammen!
    Laufen- Beste Therapie ever!

  2. Lina

    Definitiv!!!
    Nur den Marathon sehe ich noch nicht… 😀

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